Kriterienverlust
Ich habe Rückenschmerzen. Meine Freundin hat gerade die Kinder übernommen. Ich liege auf dem harten Hotelbett in einer zufällig imposanten Stadt. Wir haben einen geplant imposanten Ausflug in die Innere Mongolei hinter uns und vor uns die erprobt imposante Ankunft in Beijing. Euphorie. Seit einigen Wochen bin ich in China. Ich bin weich, mal überflutet, mal ohne Wahrnehmung. Mal sind die unangestrengten Gespräche, die ich zufällig höre und nicht verstehe, voll Gehalt, mal besprechen sie ausschließlich und ausführlich meine Person. Paranoia. Gedankenflucht nach Hause. Blockiert: Ursprünglich geringe Beschwerlichkeiten werden zu hartnäckigen Zwangsgedanken. Untergang. Pain in my ass. Dementgegen ungeahnte Großzügigkeit und Distanz den selben Dingen gegenüber in einem anderen Moment. Schizophrenie. Ich könne mich in einen E-mail-Diskurs einbringen, schrieb L. Aufbauend auf einen Text aus dem Jahr 2009 von Achim Hochdörfer sollen er, ich und G Überlegungen anstellen. Die spezifische Situation Chinas diesbezüglich sei interessant. Ich bin abgelenkt, auf Distanz zur Sache und außerhalb der Rolle des souveränen Verwalters meiner Kriterien. Am darauffolgenden Tag besuche ich zufällig eine Ausstellung in einer sehr repräsentativen, museumsartigen Galerie. Und wäre dieser Besuch nicht zufällig oder zumindest halb zufällig, hätte ich folgendes Erlebnis nicht gehabt: Zu sehen waren neue Bilder des bekannten Künstlers Yue Minjun, der schon lange die lachenden Chinesen malt und mich bis dahin noch nie interessiert hat. Diese aktuellen Bilder also zeigen Pieta, Auferstehung und andere Topoi christlicher Ikonographie mit lachenden Chinesen in bezeichnend farbig intensiver und „konfliktfreier“ Machart. Die Bilder sind einzeln auf je einer großen färbigen Wand präsentiert. „A pain in the ass“ des gebildeten Malerei-Experten und Kulturoptimisten im Allgemeinen und in zynisch-esotherischer Übereinstimmung mit meiner gegenwärtigen, mitunter kulturpessimistischen Reiselektüre (Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand). Evidenz!! „You didn’t like the exhibition itself, but the experience with it.“ erinnere ich mich an die Aussage eines Freundes vor einigen Jahren in einem anderen Zusammenhang. „You’re right, I like it as an accident ... coincidence ...“ antworte ich im Geiste. Wie auch immer, ich suche nach Erklärungen für meine Verblüffung: Diese Bilder erreichen fernab von allzu bekannten, zu Ende zelebrierten (zugegeben bewussten) Formen der Bild- oder Institutionskritik ein unbekanntes Ziel. Einige Tage später mache ich bei einer kleinen Gruppenausstellung aller artists in residence mit. Auch das befinde ich trotz der Willkürlichkeit und des nicht geeigneten Ausstellungsraumes unter den Vorzeichen meiner gegenwärtigen, oben erwähnten Großzugigkeit als interessant oder zumindest als nicht des Zweifelns wert. Mit der Hilfe von P, einem amerikanischen Künstler und somit der englischen Sprache mächtiger, beschreibe ich in einem gewünschten Statement unter anderem ein persönliches Stressfeld, welches von polaren Aspekten definiert ist: Bildkritik und Bildoptimismus. Informationsverlust (Entropie) und mögliche Bedeutung. Empathie und Kalkül. Im Übersetzungsprozess verlasse ich liebgewonnenen Formulierungen zu Gunsten inhaltlicher Präzision. Klärung durch Translation. Die eigentliche Arbeit ist eine Wandmalerei an der Außenwand des Ausstellungsraumes, welcher eine kleine Bar ist, mitten in einem Hutong (= traditionelle Wohngegenden in Bejing, bestehend aus engen Gassen und einstöckigen Behausungen). Tag1: Gut vorbereitet und besorgt wegen der unmittelbaren Nähe der zu bemalenden Wand zum öffentlichen Hutong-Klo (=Geruchsbelästigung) mache ich mich langsam (hochsommerliche Beijinger Klimaverhältnisse könnten die benötigte Energie nehmen) auf den Weg. Vorort fange ich an, ohne Z, einer hübschen Mitarbeiterin des residence-Programms, erklären zu wollen oder zu können, was zu sehen sein wird. Der Klogeruch ist übrigens halb so schlimm. Das erste zu malende Element ist eine um 90 Grad gedrehte chinesische Teigtasche (=Baozi), ein Gegenstand, der so allgemein sein soll, das er keiner Auf- oder Abwertung seiner Erscheinungsform zum Opfer fallen kann. Sublimierung ist der Leitgedanke. Floskel. Also so wie der Leib Christi dem zu verwandelnden Brot grundsätzlich nichts anhaben kann, solle der Baozi die Möglichkeit der Verwandlung in den Leib des Konfuzius beispielsweise in sich bergen. Von Buchstäblichkeit und ihr entgegengesetzter Transzendenz-Möglichkeit in der abstrakten Malerei war im erwähnten Text von Achim Hochdörfer die Rede. Den Baozi gemalt, relativ zufrieden damit, schweißgebadet und den nicht eingehaltenen Vorsatz fassend, am nächsten Tag früher zu beginnen, da die Wand vormittags beschattet ist, lege ich eine Pause ein. Zurück am Ort des Geschehens merke ich, dass die Toiletten-Frau, meine angenehmste Beobachterin, meine Utensilien (mühsam) in ein benachbartes Haus gebracht hat, anstatt ein Auge darauf zu werfen, worum ich schüchtern gebeten habe, eigentlich geglaubt habe zu bitten. Ich beginne mit dem zweiten und insgesamt größten Element: einem auf den Kopf gestellten architektonischen Fragment aus einer in China aufgenommenen Videosequenz. Die Zuschauer aus der Gegend werden mehr, und ich werde aufgrund meiner Konzentration auf das zu malende Bild und der damit zusammenhängenden Unfähigkeit zu kommunizieren nervöser. Eine englischsprechende Beobachterin will, dass ich Figuren und Früchte in mein Wandbild einbaue. „Maybe“ sage ich. Das Bild oder das, was vom Bild bereits da ist, gefiele ihr gut, aber sie verstehe nicht, was es darstellen soll. „Tomorrow“ sage ich. „You won’t understand it, but you’ll see it.“ Nein. Was für eine Arschloch-Aussage. So etwas passiert, wenn man redet ohne reden zu wollen und das Gemeinte auf das einfachste Englisch herunterbricht. „It’s less a matter of conception than of perception“ oder so ähnlich hätte es unverstandener Weise und immer noch allgemein heißen können. Die Wand würde außerdem, erkläre ich ihr, entgegen meiner tatsächlichen Absicht voll mit verschiedenen Dingen. Ich will mich nicht erklären und lasse die falsche Aussicht auf eine dynamische Bildcollage zurück. Tag 2: Die unglückliche Konversation vom Vortag und die plötzliche, paranoide Erkenntnis, dass das Wandbild hypersexualisiert sein könnte (= Lauter männliche und weibliche Prinzipien) setzen mir zu. Ich verbanne Freud, der schon länger nichts mehr beigetragen hat, und begebe mich mit der verbissenen Ernsthaftigkeit des Weltverbesserungs-research-artist in mir zur Wand. Ich beginne mit dem dritten Element, einem zweiten Baozi. Dieser gerät aufgrund der Übung illusionistischer als der erste, ist aber meiner Einschätzung nach noch im Rahmen meiner halbabstrakten Absicht oder dieser sogar dienlich. Ein Element fehlt noch und dieses scheint im Moment explizit sexueller als es tatsächlich ist. Zumutung. Die Zuschauer, die mir durchaus wohlgesonnen sind, werden mehr, kommen mir näher und verweilen länger, eigentlich solange ich vor Ort bin. Ich muss gehen. Ich verabrede mich mit P, der mir mit der Übersetzung des Textes geholfen hat. Er solle mir für die Fertigstellung des Wandbildes durch seine Bier trinkende Anwesenheit Rückendeckung geben. Mit ihm gehe ich zurück zur Wand. Zu malen ist noch Isis, ein herausgelöster Bestandteil aus einer sich in Planung befindenden Installation. Isis also, die ägyptische Göttin der Natur und Fruchtbarkeit, generiert sich aus der Kontur einer Gummipuppe, welcher ein inflationäres Anti-Umweltverschmutzungs-Cliparts-Image eingesetzt ist. Ich male sie zügig. Geschafft! Erleichterung. Ich habe keine Wahrnehmung mehr, um das fertiggestellte Wandbild zu betrachten und Lust mit P und S, welcher auch dazugestoßen ist, irgendwo ein Bier zu trinken ... Georg Frauenschuh Alle Rechte vorbehalten |